Posts mit dem Label Predigten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Predigten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 3. April 2016

Einseitige Vergebung: Zumutung zum Leben


Statio vom 2./3. April 2016 - C2O2016 - Joh 20, 19-31
Liebe Mitchristen,

letztens erzählte mir eine junge Frau, wie sich ihr Leben verändert hat. Man könnte es bezeichnen als Auferstehung hier und jetzt. Es begann mit einer schweren Krise. Sie fühlte sich wie gelähmt – eingesperrt in sich selbst. Versunken in einem dunklen Loch. Für die junge Frau war das Schlimmste: In ihrer Umgebung hatte keiner Verständnis für sie. Freunde sagten: „Gib dir einen Ruck, reiß dich zusammen.“ Oder: „Du musst mal wieder unter Leute. Komm mit zur nächsten Party.“ Dabei kostete gerade das ihre ganze Kraft: In Gesellschaft so zu tun, als ob nichts ist. Nach außen hin zu funktionieren. Sie war froh, endlich eine Psychotherapie machen zu können. Ein halbes Jahr lang hat sie darauf gewartet. Von ihrer Therapeutin fühlt sie sich verstanden und akzeptiert, so wie sie ist. Da muss sie keine Fassade aufrechterhalten. Keine gute Miene machen zum bösen Spiel. Endlich kann sie ihre Gefühle sortieren. Und sie lernt: Jedes Gefühl ist o.k. Auch die negativen. Jetzt kann sie sich erinnern an Verletzungen von früher. Wunden, an die sie nicht mehr gedacht hat. Die sich aber tief in ihrer Seele eingegraben haben. Ihre Familie kann sie nicht verstehen: „Was hast du eigentlich? Dir geht es doch gut. Du kreist ja nur noch um dich selbst.“ Die Familie sieht nicht die positive Entwicklung: In der Therapie schaut die junge Frau ihre Wunden an und versteht sich selbst immer besser. Das tut zwar weh, aber so lernt sie nach und nach, mit ihren Wunden zu leben – sie anzunehmen. Denn die sind und bleiben ja ein Teil von ihr. Haben ihre Identität geprägt.
Die junge Frau lernt im Laufe der Therapie, sich mit ihrer eigenen Lebensgeschichte zu versöhnen. Den Eltern zu vergeben, die – wie wohl alle Eltern – manches falsch gemacht haben. Sie vergibt der Mutter die Ohrfeige, die dieser vor vielen Jahren herausgerutscht ist. Ungerecht, wie die Tochter damals fand. Lange Zeit hat sie der Seele mehr wehgetan, als der Wange. Sie vergibt auch dem Vater, der sich nie wirklich für sie interessiert hat. Diese Vergebung geschieht einseitig von der Tochter aus – ohne dass es Gespräche mit den Eltern gegeben hat. Doch so kann die junge Frau Frieden schließen mit den Wunden ihrer Vergangenheit. Und das ändert ihr Leben. Sie löst sich von sogenannten Freunden, bei denen sie nie sie selbst sein konnte. – Nicht alle verstehen das. Aber sie gewinnt Vertrauen in eine neue Zukunft. Es fühlt sich an wie ein ganz neues Leben.

Manchmal kann eine Krise dem Leben eine neue Richtung geben. Zunächst fühlt man sich wie tot. Vor allem dann, wenn man negative Seiten im Leben verdrängt. Wer dagegen seine Wunden ansieht, kann eine ganz neue Lebensqualität gewinnen. Vorausgesetzt, man versöhnt sich mit seiner Lebensgeschichte. Helfen kann dabei ein guter Begleiter. Das muss kein Therapeut sein. Einfach ein Mensch, der einen versteht und annimmt, wie man ist. Der einem hilft, der Mensch zu werden, der man eigentlich ist, sich weiterzuentwickeln und auch: innerlich zu vergeben. Das gibt inneren Frieden. Neuaufbruch wird möglich. Man könnte auch sagen: Auferstehung im Hier und Jetzt.

An so ein neues Leben können die Jünger Jesu noch nicht glauben. Das Evangelium heute berichtet: Sie haben sich eingesperrt – aus Angst. Fürchten, auch getötet zu werden. Außerdem fühlen sie sich verraten und verkauft. Mit dem Tod Jesu ist für sie alles aus und vorbei. Alles, worauf sie gehofft hatten, ist null und nichtig. Der, der am Kreuz endet, kann niemals mit Gott im Bunde stehen. Doch die Begegnung mit dem Auferstandenen verändert alles. Er durchbricht die Isolation. Kommt durch die verschlossene Tür. Doch er fragt nicht: „Was ist los mit euch? Warum habt ihr Angst? Reißt euch mal zusammen!“ Er versteht sie und akzeptiert sie so wie sie sind. Hat Verständnis dafür, dass sie ihn nicht sofort erkennen und zeigt ihnen seine Wunden. Die sind der Beweis für seine Identität. Der Auferstandene trägt die Identität des Menschen Jesus von Nazareth in sich. Was vor seinem Tod galt, das gilt jetzt erst recht. Die Jünger schauen seine Wunden an. Da wandelt sich ihre Furcht in Freude, ihr Unglaube in Glaube. Mitten in der Krise spricht Jesus Christus den Jüngern zu: „Friede sei mit euch!“ Das sind die gleichen Worte wie bei seiner Abschiedsrede. Doch der Friede Christi ist kein Ruhekissen. Er spricht ihnen das Heil Gottes zu. Und das sollen sie weitertragen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“ Dabei haucht er ihnen im wahrsten Sinne des Wortes neues Leben ein. Ähnlich wie Gott bei der Erschaffung des Menschen: „Gott blies in seine Nase den Lebensatem.“ Das erinnert an Erste Hilfe – Wiederbelebung. Nach Ostern kommt Jesus Christus und haucht seine Jünger an: „Empfangt den Heiligen Geist.“ Den Atem Gottes, die Kraft Gottes. Beistand für eine neue Lebensqualität. Und Jesus beauftragt sie, diese weiterzutragen. Anderen zu einem neuen, zu einem heilen Leben zu verhelfen. Und dies geschieht einzig und allein durch Vergebung. Man könnte sagen: Der Therapeut Jesus Christus verschreibt als Therapie für das wahre Leben: Bereitschaft zur Vergebung.

Die ist immer dann möglich, wenn der Einzelne das will. Zur Versöhnung gehören zwei Parteien. Die müssen miteinander ins Reine kommen. Sich an einen Tisch setzten. Sich aussprechen. Das ist aber nicht immer möglich. Vielleicht weil der andere nicht will, nicht kann oder vielleicht schon gestorben ist. Versöhnung geht nur zu zweit. Vergeben kann man auch allein – einseitig. Walter Kohl hat das beschrieben in seinem Buch „Leben oder gelebt werden“. Der Sohn von Helmut Kohl hat keinen Kontakt mehr zu seinem Vater. Versöhnung miteinander ist nicht möglich. Aber einseitige Vergebung. Erst nachdem Walter Kohl das möglich war, konnte er ein unabhängiges Leben führen. War nicht mehr nur der Sohn vom Kanzler. Möglich war ihm das erst, nachdem er seine Kindheit betrauert hat. Nachdem er seine Wunden angesehen hat. So ähnlich, wie die junge Frau, von der ich eben erzählt habe.

Wunden ansehen, damit neues Leben möglich wird. Das gilt nicht nur für die persönlichen Lebenswunden. Sondern auch für die Wunden der Welt. Deshalb dürfen Christen nicht wegsehen. Müssen Leid und Not erkennen und benennen. Wunden sehen aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Zum Beispiel die Wunden des Nationalsozialismus, der Kreuzzüge, Völkermorde, Gewalt gegen Frauen, Menschenhandel, Grenzschließungen, brennende Asylbewerberheime, Selbstmordattentate, Arbeitslosigkeit und, und, und.

Nur wer Wunden ansieht, kann Not wenden. Nur wer Wunden ansieht, kann irgendwann vergeben – und damit Leid lindern. Vergeben kann nur, wer loslässt. Wer anderen etwas nachträgt, bleibt in sich selbst gefangen. Man trägt nur selber schwer an dem, was man nachträgt. Der Andere merkt es vielleicht nicht einmal. Einseitige Vergebung durchbricht die Spirale der Gewalt und macht innerlich frei. Das stiftet Frieden. Den Frieden, den Jesus meint und der von ihm ausgeht. Christen sind gesandt, Vergebung in die Welt zu tragen. Jeder da, wo er lebt und wirkt. Vielleicht sagen Sie jetzt: Das ist doch eine Zumutung! Ja, Christus mutet uns das zu! Und der gibt uns Mut – seinen Heiligen Geist! Die Kraft Gottes. Sie macht Vergebung möglich. – Neuanfang. Man könnte auch sagen: Auferstehung im Hier und Jetzt.  

(Anne-Marie Eising, Pastoralreferentin, St. Otger, Stadtlohn)
Hier noch ein interessanter Film: 
Vergeben macht gesund und vergeben macht stark. Doch: "Wie geht vergeben?"

Samstag, 23. Januar 2016

GottesDienst ist: Neuanfang zur Freiheit

Statio vom 23./24.1.2016
1. Lesung: Neh 8.2-4a.5-6.8-10; 2. Lesung: 1 Kor 12, 12-14.27; Evangelium: 1,1-4; 4,14-21
 
Liebe Gemeinde,
in einer Kirche auf den Philippinen war was los. Ich habs gesehen im Internet: Der Pfarrer fährt auf einem Hoverboard durch die Kirche (das ist so eine Art Skateboard, das von alleine fährt). Dabei singt er der Gemeinde ein Weihnachtslied. Stellen Sie sich das hier mal vor mit Pfarrer Jürgens… Singen kann er ja. Aber eine Showeinlage im Gottesdienst? Manche finden das bestimmt klasse. Endlich mal was los! Der Bischof auf den Philippinen fand das gar nicht gut. Hat den Pfarrer erstmal suspendiert. Im Internet wurde protestiert: Typisch Kirche. Total verbohrt. Kein Wunder, dass da keiner mehr hingeht – zum Gottesdienst.
 

Auch andere können mit Gottesdienst nichts anfangen. Sie sagen: „Das ist doch alles fromme Soße! Was hat uns dieser Jesus schon gebracht? Die Welt ist heute nichts besser als vor 2000 Jahren!“ – Ehrlich gesagt: Das denk ich manchmal auch. Im Evangelium sagt Jesus heute: „ich bin gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; … damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ Und am Ende setzt er noch eins drauf: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“. Super! Wenn ich die Nachrichten anmache, sehe ich was ganz anderes: Krieg und Terror. Und der kommt immer näher. Anschläge in Paris, Istanbul und anderen Orten. Menschen flüchten zu uns. Die Stimmung schlägt um. Nicht erst seit Silvester in Köln. Es wird öffentlich gehetzt – auf der Straße und im Internet. Und in dieser Situation erscheint eine Neuauflage von Hitlers „Mein Kampf“. Zwar mit Kommentaren, damit man draus lernt. Aber ich fürchte, das ist Nahrung für AfD, Pegida und Konsorten. Mir macht das Angst! Ich sehe nichts von einer besseren Welt, wie Jesus sie verspricht.
 
Und in der Lesung heißt es heute: „Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“ Ist das nicht fromme Soße für die bittere Wirklichkeit? Gottesdienst als Seelenvertröstung? Was können alte Bibeltexte uns heute noch sagen? Wozu das ganze Spektakel mit den Riten und Gebräuchen, die kaum einer versteht? Meine Antwort: Mit Gottesdienst können nur Menschen etwas anfangen, die auch mit Gott etwas anfangen können. Denn Gottesdienst ist Gottes Dienst an uns Menschen. Der Dienst, den Gott uns erweist, ist: Neuanfang zur Freiheit.
 

Die Menschen in der ersten Lesung haben das erkannt. Sie stehen vor so einem Neuanfang. Das Volk Israel ist zurückgekehrt ins Land Kanaan. Ins verheißene Land. – Viele Jahre waren sie im Exil in Babylon. Endlich sind sie frei. Allerdings: zuhause steht kein Stein mehr auf dem anderen. Alles Chaos. Sie brauchen wieder ein Fundament, das trägt. Nicht nur für die Häuser. Auch für ihr ganzes Leben. So eine Art Grundgesetz, das ein Leben in Freiheit garantiert. Einen wirklichen Neuanfang.
 
Vielleicht erinnert sich da manch einer an die Zeit in Deutschland – nach dem zweiten Weltkrieg: Mit unserer Verfassung gab es auch einen Neuanfang. Aussicht auf eine bessere Welt. Regierte vorher die Menschenverachtung von Hitlers „Mein Kampf“, gilt nun der Artikel 1 des Grundgesetztes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ - Die Würde jedes Menschen!! 1949 wurde er möglich: der Neuanfang zur Freiheit.
 
Das Grundgesetz des Volkes Israel ist das Gesetz Gottes – die zehn Gebote. Am Berg Sinai hat Gott damit seinen Bund mit ihnen geschlossen. Das war nachdem er sie zum ersten Mal befreit hat. Der Bund heißt: „Wenn ihr eure Freiheit bewahren wollt, dann werdet ihr meine Gebote halten.“
 
Jetzt sind sie wieder in der gleichen Lage. Und erkennen: Früher hatten sie sich nicht an das Gesetz Gottes gehalten. Sie werden unfrei. Gott aber bleibt treu. Hat sie erneut befreit. Und nun stehen sie da und hören das Gesetz Gottes. Was ihre Vorfahren mit Gott erlebt haben, wird vorgelesen. So, wie wir das heute noch tun – jetzt im Gottesdienst: in der Lesung und im Evangelium.
 
Die ganze Situation der ersten Lesung erinnert an unseren Wortgottesdienst. Unsere Riten und Gebräuche stammen ja aus dem jüdischen Synagogengottesdienst. Nach Jesu Auferstehung haben die Jünger den weiterhin gefeiert. Und dabei das Brot gebrochen, wie Jesus es ihnen aufgetragen hat. Unsere Feier heute hat also eine lange Tradition. Sie zeigt uns, wer wir sind und zu wem wir gehören: Zu Gott.
 
Im Gottesdienst danken wir ihm für den Dienst, den er schon längst an uns getan hat. Wir stellen uns unter sein Gesetz und bekennen uns zur Freiheit, die er uns schenkt. Mit ihm können wir immer wieder neu anfangen. Denn er selbst hat in Jesus einen Neuanfang mit uns gemacht. Wenn Jesus im Evangelium heute sagt: „Ich bin gesandt, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“, dann verspricht er solch einen Neuanfang zur Freiheit. In einem Gnadenjahr oder Sabbatjahr sollte es alle 50 Jahre einen Schuldenschnitt geben. Ganz wörtlich. Wer durch Schulden in Abhängigkeit geriet, sollte wieder neu anfangen können. Jesus meint das im übertragenen Sinn. Denn auch moralische Schuld macht unfrei. Aber Gott verzeiht die Schuld. Befreit von allem, was einen gefangen hält. Jesus verkündet diesen Neuanfang zur Freiheit. Und im Evangelium geht er noch weiter. Er sagt: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Das heißt: Wer sich vom Wort Gottes treffen lässt, für den wird dieser Neuanfang zur Freiheit Realität. Er wird das Wort Gottes nicht nur hören, sondern auch tun. Wer zum Beispiel die zehn Gebote hält, wird nicht mehr von Macht, Geld und Habenwollen regiert. Das macht innerlich frei und gewährt Freiheit und Würde der anderen.
 

Ich wage mal eine Utopie:
Wenn alle Menschen so handeln würden, sähe die Welt anders aus.
·       Die Reichen würden nicht immer reicher – auf Kosten der Armen.
·       Niemand müsste aus Angst um sein Leben flüchten.
·       Keine Frau müsste befürchten, in ihrer Würde verletzt zu werden.
·       Niemand würde unterdrückt, missbraucht und gedemütigt…  
Alles Utopie? Vielleicht. Aber Utopia ist ja eine Welt, die es noch nicht gibt, die es aber geben müsste. Doch wenn viele kleine Leute viele kleine Schritte tun, dann kann das das Gesicht der Welt verändern.  
[Während der Schützenmessen:Und das hat sich das Schützenwesen ja auch auf die Fahne geschrieben. „Glaube – Sitte – Heimat“ sind keine toten Buchstaben. Wer diese Tradition lebt, gestaltet das Allgemeinwohl mit. Zu Recht gilt das nun als Weltkulturerbe: Das Gesicht der Welt verändern…]
[Und] damit kann man jeden Tag einen neuen Anfang machen.
 
Der Gottesdienst hilft mir dabei. Ich lasse mir zusagen, was Gott für mich getan hat. Das stärkt mich, wenn ich versuche, mich einzusetzen für eine bessere Welt. Im Gottesdienst brauche ich das Gefühl, dass ich Gott begegnen kann. Dafür brauche ich keine Supershow und auch kein Unterhaltungsprogramm. Ich brauche einfach Menschen, die mit mir und für mich beten. Egal, ob am Altar oder in der Bank. Menschen, mit denen ich im Glauben verbunden bin. Und die nicht sich selbst in Szene setzen, sondern Gott. Denn wir sagen ja Danke für: Gottes Dienst.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Glaube ist Heimat und Aufbruch


Statio C2A2015 – 5./6.12.2015
Zur Predigtreihe im Advent: Heimat - Aufbruch

Liebe Gemeinde,

gehen Sie heute Abend zum Nikolausumzug?
Oder lieber nach Hause zum Backsmann essen?
Als ich nach Stadtlohn kam, kannte ich den Backsmann gar nicht. Bei uns zu Hause hieß der Stutenkerl. Am liebsten hatte ich den mit der Pfeife aus Ton. Da konnte man Watte rein stopfen und schon mal so tun, wie die Großen. Immer wenn ich so einen Backsmann sehe, dann denke ich zurück: An Kindertage zu Hause. Heimatgefühl. Einen Nikolausumzug gab es bei uns auch nicht. Dafür haben wir am Abend einen Stiefel aufgestellt und gehofft, dass der Nikolaus kommt. Andere Orte, andere Traditionen. Beide bieten Heimat.
 
Heimat ist, wo ich mich auskenne. Wo vertraute Menschen leben. Etwas, mit dem ich mich identifiziere. Heimat gibt Sicherheit und Geborgenheit. Wenn ich so manche Familie aus Stadtlohn höre, dann scheint das Backsmannessen dafür ein Zeichen zu sein. Selbst erwachsene Kinder kommen extra dafür nach Hause. Am Nikolausabend geht es in die Heimat.
 
Der Nikolaustag hatte für mich aber auch so seine Schattenseiten. Tage vorher hörte ich oft von den Erwachsenen: „Pass ja auf, dass du immer lieb bist. Der Nikolaus guckt durchs Fenster. Und sieht alles.“ „Wenn du nicht artig bist, dann bringt er nichts.“ Oder: „Sei schön brav. Der Nikolaus hat alles in seinem Buch aufgeschrieben.“ Ähnlich scheint das heute noch zu sein. Letzte Woche erzählten mir Kinder, sie hätten Angst vor dem Knecht Ruprecht. Der würde Kinder mit der Rute schlagen und steckt sie dann in seinen Sack. Was macht man da eigentlich mit dem heiligen Bischof Nikolaus? Verehrt wird er doch als Schutzpatron – vor allem der Kinder. Er soll Menschen in Hungersnot geholfen haben. Besonders den Kindern. Der, der barmherzig war, wird zum Big-brother, zur Strafinstanz, zum Erziehungsmittel.
 
Wenn ich so recht überlege: Wurde das früher nicht auch mit Gott gemacht? Der liebe Gott, der alles sieht … Der alle Fehler genau registriert… Und am Ende gibt’s die Abrechnung… Gott als Bestrafer und oberster Richter… So haben ihn viele früher kennen gelernt – in Kindertagen. Eine Frau – etwa so alt wie ich – sagte mir letztens: „Ja irgendwie – glauben tue ich wohl. Aber mit dem Gott, den ich als Kind kennen gelernt habe, kann ich nichts anfangen.“ Inzwischen hat sie sich von der Kirche verabschiedet. Hat ihre religiöse Heimat verloren. Andere bleiben und leiden. Sind zuhause in einer Religiosität die unfrei macht. Die sie von einem glücklichen Leben abschneidet.
 
Abschied vom Glauben oder Leiden an Gott. Mögliche Ursache: ein krank machendes Gottesbild. Eines, das nichts zu tun hat mit dem Gott Jesu Christi. Jesus nennt Gott Abba – lieber Vater. Und er bezeugt: Gott ist die Liebe. Er schenkt das wahre Leben.
Aber manche Menschen bleiben verhaftet in einer Religiosität, die Angst macht. So haben sie es von klein auf kennen gelernt. Manche bleiben dabei – aus Tradition. Im Gewohnten kennt man sich aus. Hat sich damit identifiziert – oder arrangiert. Auch wenn es nicht gut tut. Man hält dran fest. Aus Angst, seine religiöse Heimat zu verlieren. Manche Menschen gehen an einem falschen Gottesbild zugrunde. Werden krank. Andere verabschieden sich innerlich. Der Glaube geht zugrunde.
 
Wenn man in seiner Heimat nicht umkommen will, muss man aufbrechen. Im wörtlichen Sinn haben das die vielen Flüchtlinge getan. Sie sind aufgebrochen und einen riskanten Weg gegangen. Manchmal auch durch die Wüste. Im übertragenen Sinn gilt das gleiche: Wenn ich den wahren Gott finden will – den Gott Jesu Christi – muss ich immer wieder aufbrechen. Aufbrechen aus Gewohnheiten im Denken und Tun. Gewohnheiten, die mir Heimat geben. Das ist riskant. Denn ich weiß ja nicht, was da kommt. Oft folgt eine trockene Zeit im Glauben. Wüstenzeit.
 
In der Bibel ist die Wüste der Ort der Bewährungsprobe. Symbol für eine schwere Zeit. Zeichen der Heimatlosigkeit. Andererseits ist die Wüste ein Ort der Gottesbegegnung. Dort ist es still. Nichts lenkt ab. Ich werde aufmerksamer. Nur so hat Gott eine Chance bei mir und gibt sich zu erkennen. Mir ebenso wie dem Mose im Dornbusch. Dem Volk Israel in 40 Jahren Wanderschaft. Und auch im heutigen Evangelium. Es erzählt von Johannes dem Täufer. Er hat seine Heimat verlassen. Ist auf der Suche nach einer neuen Art zu Glauben. Im Evangelium heißt es: „Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes.“ Johannes hört auf Gottes Wort. Und lässt sich von ihm berufen. Am Jordan bereitet er die Menschen auf das Kommen Jesu vor. So, wie es der Prophet Jesaja gesehen hat: „Eine Stimmt ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! … Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.“
 
Auch uns fordert das Evangelium auf, Gott den Weg zu bereiten. Uns dem Gott zu öffnen, der in Jesus auf die Welt kommt. Das kann bedeuten, sich selbst in Frage zu stellen. Zu prüfen, ob ich mir meinen eigenen Glauben zurechtbiege oder ob ich Jesu Christus nachfolge. Wer sich dem Gott Jesu Christi öffnet, braucht keine Angst zu haben. Nicht vor einem strafenden Richtergott oder einem Big-brother, der alles sieht. Im Gegenteil: Dem barmherzigen Vater darf man sich anvertrauen.
 
Denn beim Christ-Sein geht es nicht darum, perfekt zu sein. Es geht nicht um Moral. Aus Glauben folgt Moral. Es geht nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern darum, dem anderen die Hand zu reichen. Die frohe Botschaft ist nicht wie beim Nikolaus: Gott liebt dich. Aber nur, wenn du immer brav und artig bist! Die Frohe Botschaft der Bibel ist: „Alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.“ Und dieses Heil kommt in der Person Jesu Christi. Wer ihm den Weg bereitet – wer sich auf ihn einlässt – der erkennt, wer Gott wirklich ist: Gott ist die Liebe. Und weil er mich liebt, kann auch ich lieben – ohne Verlust.
 
Das bedeutet aber nicht, dass Christsein eine Kuschelecke wäre. Wer in Beziehung zu Christus lebt, gestaltet die Welt. So dass jeder Mensch Heimat findet. Wer wirklich das christliche Abendland rühmt, liebt seinen Nächsten wie sich selbst. Der schreit nicht montags auf der Straße, sondern handelt so wie es auch für Jesus Christus Gesetz war. In der Bibel heißt es: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“ (Lev 19, 33-34).
 
Glaube ist nicht Moral, aber Glaube ist auch keine Kuschelecke. Der Gott Jesu Christi bietet Heimat und fordert auf zum Aufbruch. Beides gehört zusammen. Gerade in der Adventzeit können wir neu zu Gott aufbrechen. Ihm den Weg zu uns frei machen. Was das konkret bedeutet? Dafür gibt es so viele Möglichkeiten, wie es Menschen gibt. Jeder hat eigene Steine, die im Weg liegen. Und jeder geht seinen eigenen Glaubensweg. Aber allen gilt: Alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt. In Jesus Christus ist es uns schon begegnet.
 
(Anne-Marie Eising)

 

Samstag, 16. Mai 2015

Erstkommunionpredigt zu "Stadtlohn voll Gott - eine Spurensuche"


Liebe Mitchristen,
liebe Erstkommunionkinder,

seit der Osterwoche sieht unsere Kirche ganz anders aus. Vielleicht haben sich einige schon gefragt: Was steht denn hier alles so rum? – Das sind lauter Kunstwerke! Entstanden aus unserem Projekt „Stadtlohn – voll Gott“.

Ganz viele Leute aus Stadtlohn haben sich auf Spurensuche gemacht. Sie haben überlegt: „Wo ist mir in meinem Leben Gott begegnet?“ Und sie haben entdeckt: Ganz Stadtlohn ist voll Gott – ja, die ganze Welt ist voll Gott. Wie und wo ihnen Gott begegnet ist, das haben sie in einem Kunstwerk dargestellt.
 
Die Frauengemeinschaften zum Beispiel. Sie haben gemeinsam ein Buch geschrieben. Eine Frau hat ein Bild beigesteuert, das ihre Enkelin gemalt hat: Zu sehen ist ein Brot und ein Kelch mit Wein. Damit sagt die Enkelin ganz klar: „Mir begegnet Gott in der Kommunion – nicht nur in der Erstkommunion.“

  
Aber die ist für einen alten Mann ganz wichtig gewesen. Heute lebt er im Seniorenheim. Für ein Fotobuch hat er ein Kreuz fotografiert. Das hat er geschenkt bekommen zu seiner Erstkommunion. Seitdem hängt es an seinem Bett. Zuerst im Kinderzimmer, dann in seiner Wohnung und nun im Seniorenheim. Wenn er das Kreuz sieht, dann weiß er: Gott ist ihm nahe.

 
Oder ein anderer Mann. Er hat Erde in Gläser gefüllt: Aus Wenningfeld, Hundewig, Wendfeld, aus Estern, Almsick und so weiter. Egal, wo man in Stadtlohn ist – egal, wo man in der Welt ist – Gott ist da. Die ganze Welt ist voll Gott.

Ja, sogar jeder Mensch ist voll Gott! Deshalb hat die Johannesschule in die Mitte ihres Bildes einen Spiegel geklebt. Wenn du demnächst mal in den Spiegel blickst, dann weißt du: auch Du bist voll Gott!!!

Gott ist in dir. Und Gott ist für dich da. Das hat ein Kindergarten erkannt. Die Kinder haben eine Geschichte aus der Bibel gemalt: Mose am brennenden Dornbusch. Gott sagt ihm seinen Namen: Er nennt sich: „Ich bin da.“ Und wie Gott heißt, so ist er auch: Für die Menschen da. Die Kinder haben gemalt, wo Gott für sie da ist – mitten im Leben.
 
Auch Mose und das Volk Israel haben immer wieder erfahren, dass Gott für sie da ist. Seine Gegenwart haben sie verehrt in ihrem Allerheiligsten. Die Bundeslade mit den zehn Geboten. Vierzig Jahre lang sind sie damit unterwegs gewesen – in der Wüste. Und nachts haben sie das Allerheiligstes in einem Zelt aufbewahrt. Ein Zelt kann man überall aufstellen und zu jeder Zeit. Das Zelt ist das Zeichen dafür, dass Gott überall mit uns mitgeht. Er ist immer da.

Natürlich hat auch die Zeitung über unsere Ausstellung berichtet. Der Artikel hatte die Überschrift: „Gott in der Brötchentüte“.
Die Messdiener haben dieses Kunstwerk gemacht. Auf die Brötchentüte haben sie gemalt, wo ihnen Gott im Alltag begegnet. Die Tüten hängen an einer Wäscheleine, die zum Tabernakel führt.
Das Wort Tabernakel heißt auf Deutsch: Zelt. So, wie das Volk Israel ihr Allerheiligstes im Zelt aufbewahrt hat, so bewahren auch wir unser Allerheiligstes auf im Tabernakel: Das Brot. – Aber nicht irgendein Brot. Keines, das man in die Brötchentüte steckt. Im Tabernakel bewahren wir das Brot auf, das der Priester in der Messe gesegnet hat und über das er die gleichen Worte gesprochen hat, wie Jesus beim letzten Abendmahl: „Nehmt, und esst alle davon. Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ In der Gestalt dieses Brotes begegnet uns Jesus Christus selbst. Er ist für uns da. Deshalb ist das Brot für uns das Allerheiligste. Wir nennen es „Leib Christi“.

Dieses Brot, der Leib Christi, hat die Form einer Oblate. Eine weiße, runde Scheibe. So, wie ihr es auf einem weiteren Kunstwerk sehen könnt. In der Mitte der Oblate Jesus am Kreuz. Deshalb nennen wir dieses Brot in Form einer Oblate auch „Hostie“. Das heißt auf Deutsch „hingegeben“. Jesus selbst hat sich für uns hingegeben. Wer mit Hingabe etwas tut, tut es aus vollem Herzen. Setzt sich voll und ganz für einen Menschen ein. Auch Jesus war aus vollem Herzen für die Menschen da. Er setzte sich voll und ganz dafür ein, dass alle Menschen ihm glauben, dass Gott sie liebt – ohne Bedingung. Dafür hat er sogar seinen Tod in Kauf genommen. Deshalb sagen wir: Er hat sich für uns hingegeben oder dargebracht.

Auf dem Kunstwerk seht ihr außer der Hostie und dem Kreuz auch viele Hände: Hände sind zum Handeln da. Und Hände sind auch da zum Empfangen. In die offene und leere Hand wird uns bei der Kommunion - in jeder Messe -  die Hostie hineingelegt. Wir empfangen Jesus in der Gestalt des Brotes. Seine Liebe soll uns in Fleisch und Blut übergehen, damit unser Leben von ihm erzählt. Nicht nur Brot und Wein werden gewandelt. Unser Leben wird gewandelt. Wenn Menschen von der Liebe Jesu durchdrungen sind, können ihre Hände die Welt verändern. Dann wird deutlich: nicht nur Stadtlohn – die ganze Welt ist voll Gott.

Manchmal fällt es aber auch schwer, an Gott zu glauben.
Dann kann es helfen, sich von anderen Menschen erzählen zu lassen woran sie glauben. Oder guckt euch die Ausstellung in Ruhe an. Hier stehen über 50 Glaubenszeugnisse! Noch bis Pfingsten ist dazu Gelegenheit. Man kann aber auch allen Zweifel, allen Unglauben, alle Fragen in Gedanken mit auf den Altar legen.
Gleich decken einige Kommunionkinder den Altartisch. Sie bringen Brot und Wein, damit Gott sie wandeln möge in Leib und Blut Jesu Christi. Wenn er das kann, dann kann er doch auch uns wandeln… Alles, was wir in Gedanken mit auf den Altar legen, möge Gott zum Guten wandeln. Alle Sorgen, Nöte, den ganzen Alltag.

Denn Gott hält, was er verspricht: Sein Name ist: „Ich bin da.“ Das haben Menschen zu allen Zeiten erfahren. Und das hat er vor allem gezeigt in seinem Sohn Jesus Christus: in seinem Leben, seinem Tod und in seiner Auferstehung. Und das feiern wir jetzt in der Kommunion.


Liebe Kommunionkinder,
ich wünsche euch, dass auch ihr erfahren könnt, was das Kommunionkind gemalt hat für seine Oma. Das Bild im Buch der Frauengemeinschaft. Ich wünsche euch, dass auch ihr sagen könnt, die Kommunion ist voll Gott.
 
Ich wünsche euch, dass ihr immer wieder etwas von Gottes Nähe und von Gottes Liebe erfahrt: Im Alltag. Und gerade auch heute, wenn ihr zum ersten Mal Jesus selbst empfangt in der Gestalt des Brotes. In Jesus ist Gott für dich da! Amen.

(Anne-Marie Eising, 17.5.2015,
inspiriert durch eine Idee
von Pfarrer Frank Weilke)

Sonntag, 21. Dezember 2014

Bald ist Weihnacht


Statio 21.12.14 – 4. Advent

Liebe Gemeinde,

letztens hörte ich, wie einer zum anderen sagte: „Häs all höärt? ---- Boll is Wiehnacht…“ Auch wenn ich nicht so gut Plattkuern kann, ich würde mal sagen: das ist die westfälische Variante des Gedichtes „Draußen vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr.“ Und in der Tat: Es liegt was in der Luft. Bei den Bäckern duftet es schon seit Wochen nach Spekulatius. Die Lichterketten sind ausverkauft und der Glühwein schmeckt. Es muss wohl was dran sein. Hinweise gibt es genug: Bald ist Weihnacht.


Vor ein paar Jahren gab es sogar ein Weihnachtsgerücht.
Statt Spekulatius gab es Spekulationen. Die Computerfirma Apple streute es. Wer Gerüchte schürt, führt was im Schilde. Apple brachte ein neues Smartphone auf den Markt. Alle waren neugierig – waren gespannt. Typisch für die Gerüchteküche. Und alle wollten das Neueste wissen und auch das Neueste haben. Gut fürs Geschäft. Zumindest für die Firma Apple. Wer Gerüchte streut, sucht seinen Vorteil. Süßer die Kassen nie klingen als zur Weihnachtzeit.

Eine andere Qualität hat das Weihnachtsgeheimnis.
Der Roman von Jostein Gaarder erzählt: Joachim will einen Adventskalender. Aber alle sind ausverkauft – bis auf einen, und der ist handgemacht. Zu Hause öffnet er das erste Türchen und heraus fällt ein kleiner, eng beschriebener Zettel. Die Geschichte, die Joachim entziffert, erzählt von einer Pilgerreise. Die beginnt in Norwegen mit einem Stofflamm und einem Mädchen namens Elisabeth. Sie führt immer weiter zurück bis nach Bethlehem zur Geburt des Jesuskindes. Immer mehr folgen dem Zug. Je mehr Zettel Joachim liest, desto öfter fragt er sich, ob es das Mädchen, das den Pilgerzug anführt, tatsächlich gibt. Das Geheimnis wird gelüftet. Aber erst am 24. Dezember.[i]

Woran erkenne ich nun, dass bald Weihnachten ist?
Am Datum im Kalender? Am Duft, am Gerücht oder am Geheimnis?
Das Weihnachtsgeheimnis hat schon eine andere Qualität als der Weihnachtsgeruch und das Weihnachtsgerücht. Spekulatiusduft, Lichterketten und Glühwein machen Stimmung. Aber ist das schon Weihnacht? Der Firma Apple ging es ums Geld. Wenn der Rubel rollt – ist dann schon Weihnacht? Jostein Gaarder nimmt seine Leser mit auf eine Reise. Und das ist die andere Qualität: Das Buch nimmt seine Leser mit nach Bethlehem – auf eine Pilgerreise. Das Ziel dieser Reise zeigt, worum es eigentlich geht.

Aus dem Ziel dieser Reise – aus Betlehem – hat uns am letzten Sonntag auch das Friedenslicht erreicht. Entzündet wurde es an dem Ort, den wir als Geburtsort Jesu Christi verehren. Von dort haben es Pfadfinderinnen und Pfadfinder über Wien nach Münster und von dort nach Stadtlohn gebracht. Aus unseren Kirchen können Sie es mitnehmen nach Hause. Vielleicht brennt es ja dort schon seit einer Woche? Wie bei einer Bekannten. Sie erzählte: „Als mir eine Nachbarin das Friedenslicht brachte, habe ich mich riesig gefreut. Eine schöne Geste. Aus der Region, die alles andere als friedlich ist, kommt Hoffnung auf Frieden. Wenn ich das Friedenslicht bei mir zu Hause brennen lasse, dann denke ich an all die Menschen, die in diesen Tagen auf der Flucht sind. Die Angst haben um ihr Leben und um das ihrer Angehörigen. Ich denke an die Menschen, die alles verloren haben. An die, die nur ihr Leben retten konnten. Und die nun einen neuen Anfang suchen – eine Perspektive – auch hier in Stadtlohn. --
Aber ich hatte auch so meine liebe Not mit diesem Licht.“ – Meinte die Bekannte. „Es sollte ja nicht ausgehen. Wenn es den weiten Weg von Bethlehem bis Stadtlohn geschafft hat, dann kann ich es ja nicht einfach ausmachen und mit einem Feuerzeug wieder anzünden. Trotzdem hatte ich Angst, es über Nacht brennen zu lassen. Offenes Feuer – was da alles passieren kann. Einzig sicherer Ort: die Badewanne. Da kann es brennen. Nichts fängt Feuer. Da passiert nichts.“
Ein wenig nachdenklich meinte die Bekannte: „Da geb ich mir so viel Mühe mit dem Friedenslicht aus Bethlehem. Was tue ich eigentlich dafür, dass das wahre Licht in mir nicht ausgeht? Was tu ich dafür, dass das, was meinem Leben Sinn und Richtung gibt, nicht verkümmert?“ [ii]

Weihnachten wird, wenn das, was meinem Leben Sinn und Richtung gibt, in mir lebendig wird. König David aus der Bibel hat erkannt, was seinem Leben Richtung gibt. Für ihn war es das Wort Gottes – die Bundeslade. In der ersten Lesung hören wir davon. In der Bundeslade – in den zehn Geboten – verehrte das Volk Israel Gott selbst. Der war für sie da, zeigte ihnen die Richtung. Den Weg in die Freiheit. Und hat sie auch in Wüstenzeiten nicht verlassen. Für David war das Wort Gottes so wichtig, dass er ihm ein Haus – einen Tempel bauen wollte. Doch da hat er die Rechnung ohne Gott gemacht... Gott braucht kein Haus, aus Steinen. Keins, das Menschen ihm bauen. Das Wort Gottes – das Allerheiligste – verehrt, aber weggesperrt?! Wie das Friedenslicht in der Badewanne: Da passiert nichts. Da wird niemand angesteckt.

Gott will kein Haus, das Menschen ihm bauen. Er selbst ist es, der sich sein Haus, seinen Tempel baut: aus lebendigen Steinen. Aus Menschen, in ihrem Glauben, Hoffen und Lieben. In ihnen will er wohnen. Und hofft, dass dieses Haus aus lebendigen Steinen sich anstecken lässt. Feuer fängt für seine Liebe. Wenn die Liebe Gottes in uns lebendig wird, dann wird Weihnachten.

So, wie in Maria Weihnachten wurde. In ihr hat Gott Wohnung genommen. Maria hat ihm Raum gegeben – in ihrem Leben. Zunächst allerdings hat sie sich gewehrt. Hat dem Engel widersprochen: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Heißt es heute im Evangelium. In heutiger Sprache hätte sie vielleicht gesagt: „Nee, heiraten und Familienplanung steht noch nicht an. Dafür bin ich noch zu jung.“ Im übertragenen Sinn könnte man ihren Widerstand anders deuten: Sich wehren, dass Gott konkret in ihr Leben eintritt. Für heute könnte das mancher so sagen: „Glauben, Beten, Gutes tun? Dafür hab ich keine Zeit.“ Dann aber hat Maria sich doch auf Gott eingelassen. „Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“

Diese Haltung Marias kann auch uns heute Beispiel sein.
Mich auf Gott einlassen, ihm Vertrauen. Ihm einen Platz in meinem Leben einräumen. Zeit für Gott freihalten. In seinem Sinn handeln und das Leben gestalten. Dann wird er auch durch uns heute zur Welt kommen. Und dann, ja dann wird Weihnacht. Auch ohne Weihnachtsduft, Gerücht und Weihnachtsgeheimnis. Dennoch möchte ich auf alles drei nicht verzichten.
Der Duft macht Appetit. Das Gerücht macht neugierig und das Geheimnis drängt, einer Sache auf den Grund zu gehen. Alles drei hilft auch im Glauben. Weihnachten wird, wenn wir Geschmack finden an Gott. Weihnachten wird, wenn wir Interesse haben und neugierig sind auf ihn. Und Weihnachten wird, wenn wir dem Glauben auf den Grund gehen, uns neu drauf einlassen. Und dazu haben wir ja jetzt noch ein paar Tage Zeit...

Manchmal muss man dafür eine Pilgerfahrt machen. Nicht unbedingt nach Bethlehem – ins Heilige Land. Zu Fuß oder mit dem Flieger. Wichtiger ist die Pilgerfahrt im Herzen. Innerlich aufbrechen; losgehen; gespannt sein, was kommt, wenn ich mich auf Gott einlasse.
Wer sich wirklich auf Gott einlässt, bekommt es nicht mit einem Gerücht zu tun, sondern mit der Wahrheit. Und damit lebt es sich doch allemal besser… Dann kommt das wahre Licht in ihm zum Leuchten.

Nahrung bekommt dieses Licht durch das Wort Gottes – durch die Bibel. Und auch durch die Feier der Eucharistie. Wer beides in sich aufnimmt – das Wort und das Brot – in dem nimmt Gott Wohnung. Der ist sein Haus - sein Tempel. Dann kommt ER in mir – in dir – zur Welt. Dann, ja dann erst wird Weihnacht.
(Anne-Marie Eising, Pastoralreferentin)





[ii] Andrea Schwarz in: Anzeiger für die Seelsorge 12/2014, S. 24

Freitag, 31. Oktober 2014

Allheilmittel selbstbestimmter Tod? Gott ist aller Heil!


Statio zu Allerheiligen 2014

Liebe Gemeinde,
was halten Sie von Sterbehilfe? Oder davon, dass Ärzte beim Selbstmord assistieren? Darüber wird ja viel diskutiert. Einige Politiker wollen das Gesetz ändern.

Vor einer Woche machte eine junge Frau aus den USA Schlagzeilen. In der Zeitung las ich: Brittany Maynard wolle sich am 1. November – an Allerheiligen – das Leben nehmen. 29 Jahre ist sie erst. Leidet an einem Hirntumor – unheilbar. Ärzte haben ihr Gift verschrieben. In Oregon in den USA ist das erlaubt. Die Fläschchen mit dem Gift trägt Brittany bei sich. Ihr Ehemann sagt: „Nicht leiden zu müssen, sondern entscheiden zu können, wann es genug ist, ist eine große Erleichterung.“ -  Ihren Selbstmord hatte sie angekündigt in einem YouTube-Video. Gedreht von einer Organisation, die in den gesamten USA Sterbehilfegesetze durchsetzen will.
Wie mag es Brittany wohl gehen? Ob sie das Gift tatsächlich nimmt? Gestern hab ich gedacht: Was ist, wenn für sie das Leben am 1. November doch lebenswert ist? Unter welchem Druck mag sie nun stehen? Heute kam ein neues Video: Sie verschiebt den Termin ihres Todes. Das Leben sei im Moment noch schön.

Ein anderes Beispiel:
Im letzten Jahr starb Walter Jens. Er war Schriftsteller. Einer der bedeutenden Denker in Deutschland. 90 Jahre ist er geworden. In jungen Jahren kämpfte für die aktive Sterbehilfe. Für sich selbst hatte er klar, dass er nicht mehr leben wolle, wenn er nur ein Schatten seiner selbst sei. 1994 sagte er: „Darf ich nach einem selbst-bestimmten Leben nicht auch einen selbstbestimmten Tod haben, statt als ein dem Gespött preisgegebenes Etwas zu sterben, das nur von fern her an mich erinnert?“ 20 Jahre später wurde er dement. Seine Familie und ein befreundeter Arzt hatten versprochen, ihm seinen Sterbewillen zu erfüllen. Aber es kam anders. Etwa 10 Jahre lebte er noch. Trotz Demenz. Wird pflegebedürftig. Doch niemand nimmt ihm das Leben. Der Grund: Sein Sohn berichtet über seinen dementen Vater: „Dann, auf einmal, lächelt mein Vater und sagt: „Aber schön ist es doch.“ [1]

Warum wünschen sich Menschen Sterbehilfe oder Hilfe beim Selbstmord? Untersuchungen aus den Niederlanden haben gezeigt: Es ist nicht in erster Linie die Angst vor unerträglichen Leiden. Die häufigsten Motive waren: Furcht, die Würde zu verlieren; man will keinem zur Last fallen; Einsamkeit und Depression. 
Die Untersuchungen brachten noch etwas anderes zutage: Neben der Tötung auf Verlangen – da konnten die Patienten ihren Willen ganz klar äußern – gab es jährlich etwa 1000 Fälle, die es vom Gesetz her eigentlich gar nicht geben durfte: 1000 Fälle von aktiver Sterbehilfe, die vom Arzt durchgeführt wurden – ohne ausdrückliches und beständiges Verlangen des Patienten. Als Motiv für ihr Tun nannten Ärzte – natürlich anonym – nicht an erster Stelle Schmerzen oder Leiden der Patienten. Wichtigere Motive waren: die zu erwartende niedrigere Lebensqualität; die Erfolglosigkeit weiterer Therapien  und vor allem: der Wunsch der Angehörigen…[2]

Auch wenn eine Gesellschaft es schaffen sollte, Missbrauch auszuschließen: Ich persönlich halte eine Lockerung der Gesetze für gefährlich.
Ich frage mich: Würde die Palliativmedizin noch ausgebaut werden? Würde weiter geforscht? Das ist ja teuer. Für Krankenkassen wäre der ärztlich assistierte Selbstmord billiger, als eine lange Schmerztherapie. 1998 nannte man das mit dem Unwort des Jahres: „sozialverträgliches Frühableben“. Damals ging es um die Rente. Als Rentner verursache ein Mensch mehr Kosten, als er Nutzen bringe – zumindest volkswirtschaftlich gesehen. - Das ist menschenverachtend.
Weiter frage ich mich: Wenn die Tötung auf Verlangen legal wird, was ist mit denjenigen, die sich dagegen entscheiden? Die den Zeitpunkt des Todes in andere Hände legen? Geraten die nicht unter einen ungeheuren Rechtfertigungsdruck? Schon heute müssen sich ja Eltern rechtfertigen, wenn sie ein behindertes Kind bekommen. Oft heißt es dann: „Das muss doch heute nicht mehr sein.“ Wäre die Selbstbestimmung über den Zeitpunkt des eigenen Todes eine neue Freiheit, oder würd es einmal zum Zwang, es tun zu müssen?

Darf eine Gesellschaft das Leid aus der Welt schaffen, indem sie die Leidenden aus der Welt schafft? Jemand hat mal gesagt: „Den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft kann man daran messen, wie sie mit den Schwächsten umgeht.“ Beim Thema ärztlich assistierter Selbstmord oder Tötung auf Verlangen geht es auch um die Werte, die einer Gesellschaft wichtig sind. Lebenswert scheint heute zu sein: Erfolg haben, schön sein, aktiv sein. Ihr Heil sehen viele Menschen darin, selbstbestimmt zu sein, unabhängig und vor allem: gesund. Ja, Hauptsache gesund!

Wenn wir heute Allerheiligen feiern gedenken wir aller Heiligen. Die meisten, die die Kirche heiliggesprochen hat, waren allerdings alles andere als gesund. Viele hatten zeit ihres Lebens mit körperlichen oder seelischen Leiden zu kämpfen. Einige Beispiele: Hildegard von Bingen: sie hatte wohl starkes Rheuma. War oft ans Bett gefesselt. Ignatius von Loyola humpelte. Wegen einer Kriegsverletzung. Franz von Assisi wurde blind. Und Bernadette aus Lourdes starb an Knochentuberkulose. Die Heiligen waren alles andere als gesund. Aber sie waren heil.

Was bedeutet eigentlich heil sein, wenn es nicht gesund sein heißt? Heil sein heißt für mich: Bei Gott sein, vollkommene Nähe zu ihm erfahren. So, wie es im Paradies war: Nachdem Gott die Welt erschaffen hatte, sah er alles an und es war sehr gut. Die Menschen lebten noch im Einklang mit sich selbst, mit ihren Mitmenschen und mit Gott. Sie empfanden inneren Frieden. Die Heiligen hatten davon eine Ahnung. Sie haben alles von Gott erwartet, nicht von ihrer Gesundheit. Er war der Grund und das Ziel ihres Lebens. So, wie es im Evangelium heute heißt: „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Die Einheit mit Gott machte die Heiligen heil. Man kann sagen: Gesundheit ist spätestens mit dem Tod zu Ende. Das Heil aber kommt mit dem Tod zur Vollendung. Das ist keine Jenseitsvertröstung. Es geht um´s Heil-sein im Hier und Jetzt. Wer mit Gott lebt wird heil. Im Leben nach dem Tod und vor allem schon im Leben vor dem Tod. 
 
Wenn wir heute Allerheiligen feiern, gedenken wir des Heils im doppelten Sinn: Wir gedenken aller Heiligen und wir feiern unser aller Heil. Eben Aller-Heil-igen. Im Grunde feiern wir jetzt im Herbst ein Osterfest. Denn wir glauben, dass die Heiligen schon von Gott vollendet sind. Und damit meine ich nicht nur die von der Kirche Heiliggesprochenen. Damit meine ich alle Christen, die vor uns gelebt und geglaubt haben. 
Auch kranke Menschen können heil sein. Viele Pilger berichten, dass sie aus Lourdes anders wieder nach Hause gekommen sind – trotz Krankheit. Ich glaube, sie haben inneren Frieden gefunden – gerade in der Krankheit.  

Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, dafür zu sorgen, dass kranke und sterbende Menschen keine Angst haben müssen, allein zu sein. Dass sie liebevolle Pflege erhalten – ohne Bürokratie und ohne Geldsorgen. Unsere Aufgabe ist es, Menschen mit Krankheit und Behinderung das Gefühl zu geben, dass sie wertvoll sind und keine Last. Vor allem gilt es, ihre Würde zu wahren. Dazu gehört auch, keine Schmerzen zu haben. Alle schwer Kranken müssen Zugang zur Palliativmedizin erhalten. Da gibt es noch viel zu tun.

Und wenn doch jemand um Hilfe zum Selbstmord bittet?
Christen dürfen niemanden verurteilen. Ich habe Hochachtung vor Nikolaus Schneider – dem Ratsvorsitzenden der EKD. Entgegen seiner Überzeugung als Christ würde er seine Frau zum Sterben begleiten in die Schweiz – aus Liebe.

Für Christen ist das Leben unantastbar. Ein Geschenk Gottes, das es zu schützen gilt. Nicht für aktive Sterbehilfe dürfen Christen eintreten, sondern für aktive Lebenshilfe. Dem fühlt sich die Hospizbewegung verpflichtet. Sie handelt nach den Worten ihrer Gründerin Cicely Saunders. Diese sagte Sterbenden: „Sie sind bis zum letzten Augenblick ihres Lebens wichtig. Und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben sondern auch bis zuletzt leben können.“

Bis zuletzt leben. Und sterben im Vertrauen darauf, dass wir nicht tiefer fallen können als in die Hände Gottes.

(Anne-Marie Eising, Pastoralreferentin St. Otger, Stadtlohn)




[1] Michael Strom, CIG Nr. 13/2009, S. 135f.
[2] Dr. Dr. Peter Fonk, Handeln aus christlicher Verantwortung, LB23 Theologie im Fernkurs 2002, S. 97ff.

Sonntag, 24. August 2014

Menschen für die Liebe Gottes aufschließen

Statio zu Mt 16, 13-20

21. So. LJA – 23./24.8.2014


Liebe Gemeinde,
manche Leute erzählen sich gerne Witze über Petrus, den Türsteher des Himmels. Kennen Sie den schon?
„Ein Pfarrer und ein Reisebusfahrer warten vor der Himmelstür. Endlich lässt Petrus den Busfahrer hinein. Dem Gottesmann verwehrt er den Eintritt. „Wenn du gepredigt hast, haben die Leute in der Kirche geschlafen. Aber wenn der da am Lenkrad saß, haben alle Leute im Bus gebetet.“

Nun hoffe ich mal, dass Sie bei meiner Predigt nicht einschlafen werden. Und ebenso hoffe ich, dass Sie nicht nur beten, wenn Sie eine Heidenangst haben oder Panik. Das Wort Panik kommt vom griechischen Gott Pan. Der Schutzgott der Hirten. Vor ihm hatten alle Angst. Halb Mensch, halb Ziegenbock konnte er die Herden so erschrecken, dass sie plötzlich auseinander liefen. Fatal für die Hirten, wenn sie dadurch Tiere verloren. Deshalb versuchte man den Pan bei Laune halten –mit Opfern.

Vor so einem Heiligtum des Pan steht Jesus heute im Evangelium mit seinen Jüngern. In Caesarea Philippi: Ein Tempel des Hirtengottes Pan. Dort sagt er ihnen: „Die Mächte der Unterwelt werden die Kirche nicht bezwingen.“ In der Unterwelt herrscht der Tod. Und vor dem haben die Menschen ja am meisten Angst. Vor der Kulisse des Panheiligtums sagt Jesus den Jüngern also: „Habt keine Angst, ich selbst werde den Tod bezwingen.“ Wer sich zu Christus bekennt, braucht keine Panik zu haben vor dem Tod. Weder vor dem persönlichen, noch vor dem Tod – dem Untergang – der Kirche. Vorausgesetzt, die Christen nutzen den Schlüssel des Himmelreiches, den Jesus dem Petrus übergibt.

Im Witz entscheidet Petrus darüber, wer in den Himmel kommt. Für Jesus ist klar: Das ist die Sache Gottes. Aber Petrus soll den Menschen den Zugang zu ihm eröffnen. Die Kirche soll die Menschen für die Liebe Gottes aufschließen. Und keine Angst haben vor dem Untergang. Die haben allerdings heute Viele. Nicht nur die Bischöfe. Der Grund sind die jüngsten Zahlen zu den Kirchenaustritten. Manche appellieren dann: Wir müssen den Menschen die Werte der Kirche einfach anders vermitteln. Die Sprache der Leute sprechen. Allerdings, ich glaube, allein um die Ausdrucksweise ging es Jesus bestimmt nicht bei der Schlüsselübergabe. Den Menschen den Himmel aufschließen heißt, sie mit Gottes Liebe in Berührung zu bringen. Das schließt handfeste Veränderungen mit ein! Jesus nennt das „binden und lösen“. Im Evangelium sagt er dem Petrus und damit der ganzen Kirche: „Was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“

Jesus spricht hier nicht von Hochzeit und Scheidung. Er redet davon, dass Gesetze und Normen auch geändert werden müssen. Immer dann, wenn sie den Menschen den Zugang zur Liebe Gottes versperren. Diese Binde- und Lösegewalt hatten im Judentum bereits die Schriftgelehrten und Rabbiner. Sie sollten feststellen, ob ein Gesetz Gottes noch verbindlich war oder ob es aufgelöst werden musste. In einer bestimmten Zeit entstanden, passt es nicht für alle Zeit. Binde- und Lösegewalt heißt: was die Schriftgelehrten in ihrer Zeit für verbindlich erklärten, galt auch vor Gott als verbindlich. Wenn sie ein Gesetz auflösten, dann galt es auch vor Gott als aufgelöst. –

Das klingt ziemlich anmaßend. Stellen sich hier Menschen über das Gesetz Gottes? Bestimmt hatten manche Schriftgelehrten Angst davor, diese Verantwortung zu übernehmen. Aus Angst, falsche Entscheidungen zu treffen, blieb in vielen Bereichen alles beim Alten. Auch, wenn es den Menschen nicht mehr nützte. Damit bürdeten sie den Gläubigen Gesetze auf, die diese nie halten konnten. Die Folge: Die Menschen hatten Angst davor, nie richtig vor Gott dastehen zu können. Aus Angst vor Veränderungen verbreiteten die Schriftgelehrten unter den Menschen damals eine Heidenangst.

Diese Vollmacht, die die Schriftgelehrten hatten, überträgt Jesus nun auf Petrus und die junge Kirche. Damit sagt er: „Macht ihr es besser! Öffnet den Menschen die Tür zur Liebe Gottes.“ Dazu müssen auch mal kirchliche Normen verändert werden. Und was die Kirche dann für verbindlich erklärt, das gilt auch vor Gott als verbindlich. Das gleiche gilt, wenn sie Normen ändert oder abschafft.

Die erste Norm der jungen Kirche hat Petrus selbst abgeschafft. Es ging um die Frage: Müssen Heiden, die getauft werden wollen, zuerst Juden werden? Nach heftigem Ringen verzichtet Petrus darauf. Danach erst konnte Paulus weiter missionieren. Nur dadurch breitete sich das Christentum aus: im ganzen Mittelmeerraum, in der ganzen Welt.

Was heißt das für die Kirche heute? Welche Normen eröffnen Menschen heute die Liebe Gottes? Welche schließen sie von seiner Liebe aus? Was bleibt verbindlich, wovon müssen wir uns lösen? Schwere Fragen – keine leichten Entscheidungen.

Vier Beispiele von vielen:

Das Sonntagsgebot:
Sonntags Eucharistie zu feiern ist für manche gar keine Frage – für Sie, die Sie hier sitzen, ist das keine Frage. Für Christen, die einen Zugang zur Liebe Gottes gefunden haben, ist das selbstverständlich. Wer mit Gott dagegen nichts anfangen kann, wird auch durch ein Gebot nicht dazu bewegt werden. Er hat ja gar keinen Grund, Gottesdienst zu feiern. Ich finde: Die Norm sollte bleiben. Sonntags die Messe zu feiern, können Christen nicht aufgeben, wenn sie mit Christus in Verbindung bleiben wollen. Allerdings: Für Christus werben ist besser, als zur Kirche zu zwingen.
 
Sexualmoral der Kirche:
Da lässt sich heute niemand mehr reinreden. Wichtiger als die Frage „wann darf man?“ scheint mir die Frage „wie kann man Sexualität verantwortlich leben?“ Treue, gegenseitige Wertschätzung und Liebe sind bleibende Werte! Entscheidend ist die Frage: Ist Sexualität Zeichen der Liebe oder ist der Partner nur ein Objekt, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen? Sogenannte „eheliche Pflichten“ waren früher bestimmt für manche die Hölle auf Erden.

Wiederverheiratet Geschiedene:
Das Versprechen, ein Leben lang füreinander da zu sein und einander treu zu bleiben, was immer auch komme, halte ich für ein unheimlich hohes Gut. Das möchte ich auf keinen Fall aufgeben. Aber wie gehen wir mit dem Scheitern um?
Im Christentum ist sonst ja auch nach dem Scheitern ein Neuanfang möglich. Umkehr, Vergebung und Barmherzigkeit sind zentrale Themen der Botschaft Jesu. Ich persönlich hoffe, dass sich bald etwas ändert im kirchlichen Arbeitsrecht. Und vor allem bei der Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zum Empfang der Sakramente. Wie sollen wir Menschen die Liebe Gottes eröffnen, wenn wir sie ausschließen von den Zeichen der Nähe Gottes?

Schließlich die Rolle der Frau in der Kirche:
Argumente gegen die Priesterweihe von Frauen findet man in der Bibel. Argumente dafür ebenfalls. Wer aber keine Argumente mehr hat, erlässt ein Diskussionsverbot. Papst Johannes Paul II. hatte endgültig festgelegt, dass die Kirche von Gott nicht dazu ermächtigt sei, Frauen zu weihen. Papst Franziskus hat in einem Interview bekräftigt, diese Tür sei verschlossen.
Nun, verschlossene Türen kann man öffnen – wenn man will. Selbst die heilige Pforte in Rom – sie ist zugemauert – wird alle 50 Jahre vom Papst selbst eingerissen. Und was die Ermächtigung der Kirche angeht: Jesus hat ihr die Binde- und Lösegewalt übertragen. Somit ist sie ermächtigt, auch diese Norm zu überdenken. Allerdings – manche Menschen scheinen noch nicht reif zu sein für solch eine Änderung. Auch heute noch werden manchmal Mädchen als Messdienerin abgelehnt, Frauen als Kommunionhelferin. Und ich schon ein paarmal als Leiterin einer Beerdigung. Und das nur, weil ich eine Frau bin! Manche Menschen scheinen eine panische Angst davor zu haben, dass sich etwas ändert.

Aber nur, was sich ändert, bleibt. Wer sich ändert, bleibt sich treu.
Die Kirche muss tun, was Jesus ihr aufgetragen hat: sich an Normen binden, die den Menschen die Liebe Gottes erschließen. Von anderen muss sie sich lösen. Das ist eine große Verantwortung. Aber Gott vertraut seiner Kirche. Er traut ihr etwas zu! Und sein Geist wirkt in ihr. Mit ihm brauchen wir keine Angst haben – auch nicht vor Veränderung. Denn nicht Panik bestimmt uns Christen, sondern Christus. Mit ihm finden wir zu Gott.
(Anne-Marie Eising, Pastoralreferentin St. Otger, Stadtlohn)